Karl-May-RAF

Die Lifestylepresse erklärt die erste Generation der Rote Armee Fraktion zum Pop. Ist das jetzt ärgerlich? 

ein Gastkommentar von Andreas

Wenn es überhaupt noch Hoffnung gibt, dann liegt sie in der Revolution. Und wenn es Hoffnung auf Revolution gibt, dann besteht sie darin, daß Elvis Presley, der König des Rock, zu Che Guevara wird.«

Das sagte vor 30 Jahren bei einem Konzert Phil Ochs - der Rebellensänger, Gegenspieler des Bedenkenträgers Bob Dylan und Begründer des Agit-Pop. Mit dem Ansehen des Agit-Pop ist seither ziemlich bergab gegangen - ebenso wie mit dem Ansehen Che Guevaras. 

Als neueste Rufschädigung werden in Hollywood gerade zwei Che-Filme vorbereitet, von Robert Redford und dem »Street Fighting Man« Mick Jagger. Bei dem soll übrigens Antonio Banderas Che spielen, was er ja irgendwie schon im Madonna-Grusical »Evita« verbrochen hat.

Soweit ist es mit der Idee des bewaffneten linken Widerstands also eh schon gekommen, dazu braucht es nicht extra noch würdelose Lifestyleheinis, denen jetzt vorgeworfen wird, mit der Parole »Die Zeit ist reif für RAF-Popstars« das Ansehen des Linksradikalismus zu bedrohen. 

Wobei die Frage ist: Bringen die damit eher die RAF, sich selbst oder gar den Pop in Verruf?

Denn was am neuen RAF-Pop wirklich stinkt: Das ist kein Pop, oder höchstens öder Mittelstands-Pop, dem pop-immanente Leidenschaft abgeht. Sieht man schon an den windelweichen Rechtfertigungs- und Argumentationskrücken, durch die die Lifestylefraktion »furchtlos Spaß will«, aber nirgendwo richtig anecken. 

»Das paßt halt gut zum 80er Revival und zum Punk« - mit dem Spruch glaubt der Klamottenhandel wohl RAF-Produktwerbung zu betreiben. Mich erinnert das an eine Wrangler-Anzeige vor 20 Jahren: Knackarsch in Fake-Satin-Jeans, dazu die Stilempfehlung: »Das trägt der Herr zum Punkrock.« 

Dem echten Pop-Fan darf man mit so nem verquirlten Stil-Quatsch nicht kommen, der Fan kennt sich schließlich aus. Denn der betreibt Quellenstudium. Deshalb haben eben Schnepfen wie die Prada-Meinhof-Szenegirlies auch nix mit Pop zu tun. Die interessieren sich ja für nix. Die langweilen sich und sind langweilig.

Politische Agitation war immer schon Pop - Oberfläche und Verkürzung, Parolen und Schlachtgesänge. 

Für mich fing alles damit an, daß ich als Kind im Zonenrandgebiet im DDR-Fernsehen in der Nachmittags-Kinderkinostunde von Professor Flimmrich immer bei Jungpionierabenteuern und Antifa auf Emil-und die-Detektive-Niveau mitgefiebert hab. Und abends gings nach Lustspielzerstreuung aus »Willi Schwabes Rumpelkammer« noch mit Trash-Agitation in Ede Schnitzlers »Schwarzem Kanal« weiter. 

Mit 13 hatte ich natürlich auch ein Che-Poster an der Wand.
Und als ich 14 war, hatte mich, noch vor Ton Steine Scherben, der Salonrevolutionär und »Working Class Hero« John Lennon mit seiner Politpopplatte »Sometime in New York City« für linke Topics wie Feminismus, Angela Davis, die IRA oder die White Panther Party agitiert. Hat mir alles nicht geschadet. 

So einem zugegeben infantilen Stadium scheinen Tussis und Artgenossen zwar auch mit 30 oder so nicht entwachsen. Aber wenn man sich die Knalltütigkeit der Besserverdienenden-Magazine und Feuilletons anguckt, in denen sich der internationale Pop-Diskurs der letzten 20 Jahre, zu dem der RAF-Hype auch nur ne Fußnote ist, ausbreitet, kann man nur froh sein, daß die RAF nicht noch schlimmer verwurstet wird. 

Trotz Leseliste und sonstigem Rüstzeug zum intellektuellen Smalltalk ist das natürlich ziemlich arm, aber auch über den erkenntnistheoretischen Backkatalog der RAF kann man ja streiten. Und ist beim desolatem Zustand der Linken nicht jeder Hype gut zu gebrauchen, der die ganze Idee wieder hip aussehen läßt?

Doch was die Lifestyle-Popper unter RAF-Glamour inszenieren, sieht einfach 
echt scheiße aus. Da ist der tote Kopfschuss-Baader nicht weit weg vom toten Kopfschuss-Kurt-Cobain, auch so ne Ikone fürs priviligierte Gymnasiasten-Elend. 

Popstars sind hier nicht die drögen Überlebenden, die seit 25 Jahren im Knast verschimmeln oder den Kronzeugen machen, sondern die, die ihren Trip zu Ende getrippt sind -- und dann edel gestorben. 

Wie Winnetou, unser Bruder. Wie ich jetzt auf den komm? Also, wenn jetzt jemand wie Jan Delay aus einer Politpoplaune heraus die RAF abfeiert zu Karl-May-Reggae (nämlich zum Sound aus einer Welt, die er nie bereist hat), dann müssen wir auch gleich den Begriff der Karl-May-RAF dazutun. 

Politrockerfolklore zwischen Roten Garden und Putzkolonne. Das fand die Linke 
ja auch schon immer gut. 

Und mit ihrem eigenen Pop-Slang zwischen Kaderkauderwelsch und »High sein, frei sein, ein bißchen Terror muß dabei sein« hat die Linke dann derbe gegen das Schweinesystem geflasht. Muß man sich nicht wundern, wenn dabei unbedarften Lifestylern das Gehirn käst.

Bleibt am Ende der doch ziemlich sauertöpfische Verdruß darüber, daß 28jährige Werbetexter uns unsere RAF wegnehmen wollen. Da muß ich dann an den Deodorant-Werbeschnack aus den 70ern, der Mehr-Demokratie-wagen-Ära, denken: 

»Mein Bac, dein Bac -- Bac ist für uns alle da!« Für uns alle ... das hört sich doch schon ganz schön links nach Kollektiv, Solidarität und so weiter an. Und wenn die Linke zu RAF, Rebellion und Widerstand die bessere Agitation zu bieten hat: immer her damit.

(aus einer Radiosendung des Salon Rouge, April 2001)

Weitere Informationen zum Thema:
 

Eine Salon-Suche nach dem RAF-Mode-Phantom.

Die Webseite von »Tussi Deluxe«.

»Tanz den Baader-Meinhof!«: ein Bericht von »Spiegel online«.

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