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Das RAF-Mode-PhantomEin Gespenst geht um im Lifestyle-Blätterwald: das Gespenst der Rote Armee Fraktion. Und das sieht verdächtig schick aus. Kein Wunder - sind doch »Andreas Baaders Woolworth-Pantoffel Kult«, wie uns »Max« erklärt von Coco Drilo Prada Meinhof. Als ich diesen Slogan das erste Mal hörte, dachte ich, dass es wieder einmal um Miuccia Prada geht, italienische Modezarin, die nicht nur promovierte Politikwissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin ist, sondern auch Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. »Ich mochte als KP-Mitglied nicht einsehen, warum ich nicht Yves Saint Laurent oder Kenzo tragen sollte«, hat sie mal gesagt, und das gilt in Mode- und Kommunistenwelt gleichermaßen als schrill. Doch es ist alles ganz anders. »Prada Meinhof«, so musste ich mich belehren lassen, ist nämlich »RAF-Mode«. Aber was zum Teufel ist »RAF-Mode«? Gehen wir einmal die Phänomene durch, die unter diesen Begriff gefasst werden könnten. Zunächst
einmal wären da die Kleidungsstücke der Hamburger Boutique
»Maegde und Knechte Elternhaus«. Dieses Geschäft
ist gegenwärtig unter Angestellten von Werbeagenturen und
der Neuen Medien sehr gefragt. Es hat sich auf eine - für
meine Begriffe etwas schwitzige - Wehrmachtsästhetik verlegt.
Überregionale Berühmtheit erlangte es jüngst mit
einem T-Shirt, das die Aufschrift »Prada Meinhof«
trägt. Prada Meinhof ein Wortspiel, das Glamour und Radikalität, Stil und Outlaw-Image miteinander verbindet: viel zu schön, um nicht sofort geklaut zu werden. Und so haben eine BWL-Studentin und eine Bankkauffrau aus Berlin sich den Namen »Prada Meinhoff Projekt« gegeben. Per Internet berichten sie in dreiminütigen Filmclips über das, was sich in ihrer Sprache »Nightlife und Events« nennt. Eine typische Reportage beginnt zum Beispiel so: Und folgendermaßen endet eine typische »Prada Meinhoff«-Reportage: Zwischendurch versuchen die zwei Reporterinnen noch, Prominente zu interviewen. Die reden zwar in aller Regel nicht mit ihnen, das stört die beiden aber nicht wirklich: ... so beispielsweise ihr Kommentar nach einem verunglückten Interview mit Alex Jolig aus dem »Big Brother«-Container. Fazit:
Auch das »Prada Meinhoff Projekt« hat nichts mit
der RAF zu tun. Also auch hier: keine RAF-Mode.
Vielleicht muss ich die Suche nach ihr ganz anders angehen. Vielleicht bezeichnet der Ausdruck ja die Kleidung, die RAF-Mitglieder getragen haben? Doch was haben sie getragen? Christian Petzolds Film »Die innere Sicherheit«, der dieser Tage in den Kinos zu sehen war, liefert Anhaltspunkte. Zwei Szenen dieser sehr sensiblen und höchst ungewöhnlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der RAF drehen sich um die Kleidung der Protagonisten, die als RAF-Mitglieder im Untergrund leben: Bei der Flucht vor der Polizei mussten sie nicht nur ihr Gepäck in Portugal zurücklassen, sondern auch beinahe alles Geld. Nun friert die Tochter die beiden RAF-Mitglieder sind nämlich ein Paar, das sich mitsamt seiner mittlerweile 15-jährigen Tochter vor der Polizei versteckt. Die Tochter friert also, und der Vater kauft ihr auf einer französischen Autobahnraststätte ein scheußliches eierlikörfarbenes Sweatshirt, auf das ein groteskes Comictier gedruckt ist. Später dann holen sie sich andere Sachen aus einem Altkleider-Container, die Tochter bekommt jetzt einen Jogginganzug aus lila Ballonseide. Sie schämt sich in Grund und Boden, als sie in dieser Aufmachung anderen Teenagern begegnet. So ähnlich habe eigentlich auch ich immer die RAF gesehen: als einen etwas drögen, sehr pragmatischer Verein. RAF, das hieß: bloß nicht auffallen, möglichst anonym in einem Hochhaus wohnen, Texte veröffentlichen in einer Sprache, die im selbst geschaffenen dogmatischen Jargon absäuft. Allerdings bedeutete RAF auch: konsequent sein bis zum Äußersten, keine Kompromisse eingehen, revolutionär sein, auch wenn es das Leben kostet. Der Stoff, aus dem die Heldenmythen sind. Aus diesem Stoff und aus der Vor- und Frühgeschichte der RAF ist das gemacht, was die Zeitschrift »Max« uns vor kurzem als »RAF-Kult« verkaufen wollte. »Die Zeit ist reif für RAF-Popstars«, zitiert sie fasziniert einen Fotografen und druckt gleich eine ganze Modestrecke ab, die er für eine andere Zeitschrift produziert hat: »Tussi Deluxe«, ein Lifestyle-Magazin, wie gemacht, um es beim Friseur durchzublättern. Der Fotograf habe darauf geachtet, dass jedes Detail der Fotostrecke authentisch sei, informiert uns »Max«. Die »Tussi Deluxe«-Redaktion selbst versucht in einem zweiseitigen, reichlich wirren Text zu erklären, dass sie ein ernsthaftes Interesse an den RAF-Protagonisten und ihrer angeblich so besonderen Kleidung habe. Doppelseite
aus "Tussi Deluxe"Davon ist freilich den RAF-Modefotos nichts anzusehen. Auf einem Bild stellen ein männliches und ein weibliches Model ein Foto vom Frankfurter Kaufhausbrand-Prozess nach. Auf einem anderen soll, so meint zumindest »Max«, ein Model in der Rolle von Jan Carl Raspe zu sehen sein, vor einem Mercedes, in dessen offenem Kofferraum - da ist sich die Presse einig - wohl Hanns Martin Schleyer liegen soll. Das leuchtet mir zwar nicht so recht ein, schließlich saß doch Jan Carl Raspe in Stammheim und sollte durch die Entführung freigepresst werden. Aber es geht ja um Mode und eine Fantasie-RAF, und seit wann erwartet man von einer Modestrecke Authentizität? Die Fantasie-Pop-RAFler sind allerdings eher fantasielos inszeniert, finde ich: Gudrun Ensslin und Andreas Baader haben beim Kaufhausbrandprozess 1968 einfach viel besser ausgesehen als die »Tussi Deluxe«-Vogelscheuchen, die das Foto nachzustellen versuchen. Ein Bild habe ich bislang nicht erwähnt, und doch ist es das Wichtigste im ganzen »Max« und im ganzen »Tussi Deluxe«. Es zeigt, wieder dargestellt von einem Fotomodell, den Kopf des toten Andreas Baader in einer Blutlache. Auf das Bild montiert ist ein kleiner Kasten mit einem Foto, das ein Paar Hausschuhe zeigt. »Andreas Baaders Woolworth-Pantoffel [sind] Kult«, erklärt der Fotograf. Ich kann mir ehrlich gesagt keine abgefucktere Haltung vorstellen. Vor allem, weil hier mit der Pose des Rebellentums hantiert wird und dabei doch nur ein Witz herauskommt, der dem Hirn eines Staatsschutzbeamten entsprungen sein könnte: Kopfschuss und Hauspuschen, da lacht der SS-Mann. So ein Modefoto können sich die Redaktionen nur mit einem (toten) Mitglied der RAF erlauben - weil die RAF-Mitglieder lange genug als nicht menschlich und vogelfrei galten. Warum hatten »Max« und »Tussi Deluxe« nicht auch ein Foto der erhängten Gudrun Ensslin im Heft? »Tussi Deluxe«-Herausgeberin Cynthia Blasberg beantwortet diese Frage freimütig: weil Gudrun Ensslin mehr Verwandte hätte als Andreas Baader. Schade, dass hier nicht einfach gute Mode präsentiert wird und nebenbei noch das RAF-Tabu gebrochen, sondern gleich noch der Hofknicks Richtung bürgerliche Medien und Richtung Bundesanwaltschaft mitgeliefert wird. Das ist wohl das, was man konformistische Rebellion nennt: Indem man auf einem kleinen, extra dafür vorgesehenen Areal folgenlose Normverstöße begeht, bestätigt und stabilisiert man das große Ganze. Tja,
also was ist denn jetzt die RAF-Mode? Vielleicht sind es ja die
neuen T-Shirts, auf die das RAF-Logo aufgedruckt ist eine
neue Ausformung des Radical Chic in all seiner Problematik von
Entpolitisierung des Radikalen und Politisierung des Alltäglichen.
Eine Wiederkehr des Verdrängten sind auch die T-Shirts mit RAF-Stern: Nach Jahrzehnten der Tabuisierung ist es fast zwangsläufig, dass dieses Logo ausgerechnet in der Mode wieder auftaucht - jenem Terrain, auf dem man sich vom symbolischen Tabubruch ernährt, von der Rekontextualisierung - und von der ständigen Plünderung der Subkulturen, die sich die Augen reiben und verwundert feststellen, dass ihre Zeichen nun Mainstream sind und sei es nur für eine Saison. Unvergesslich bleibt, wie im vergangenen Jahr der SM-Chic die Haute Couture erreichte und der Welt ein paar Handschellen schenkte, auf denen »Gucci« stand. Doch zurück zum RAF-T-Shirt. Die lustigste Variante bietet es im Achtziger-Jahre-Silberglitter-Glamour-Look. Schade, dass es das nicht schon in den Achtzigern gab. Damals solche T-Shirts zu tragen wäre echtes Rebellentum gewesen - gegen den Staat und gegen eine Gesellschaft, die alles, was mit der RAF zusammenhing, tabuisierte. Und gegen die versteinerten Verhältnisse innerhalb einer Linken, in der man keinen Witz über die Säulenheiligen aus der RAF machen durfte. Fürs Tragen dieses T-Shirts wäre man allerdings schnurstracks ins Gefängnis gekommen und/oder von der antiimperialistischen Linken in die Knie geschossen worden. Ärgern muss man sich über diese T-Shirts jedenfalls nicht, finde ich. Schade ist höchstens, dass es nicht die Linke war, die sie erfunden hat. Das gilt übrigens auch für die Modestrecke: schade, dass die nicht von links kommt. Die Rote Flora in Hamburg hat 1997 mal auf einem Flyer einen RAF-Mode-Witz gemacht. Das war gut. Woran die Linke auch sonst so alles kranken mag daran ganz sicher: dass sie so lange keine Attraktivität ausstrahlen wird, wie sie nicht zeigt, dass Linke nicht nur klügere Gedanken haben, sondern dass sie auch besser gekleidet sind, bessere Musik hören und besseren Sex haben. Der verkrampft unverkrampfte Umgang, den die Lifestyleblätter mit den Modefotos vorlegen und der verquaste wachsweiche Text dazu, der es allen recht machen will - das zeigt, dass noch immer überall in der Gesellschaft die Hände an die Hosennaht gelegt werden, wenn es um die RAF geht. Mit den T-Shirts jedenfalls ist es wie mit Kate Moss, die jüngst auf Kuba im Che-Guevara-T-Shirt des Modelabels Duffer posierte: Sie halten der Linken mit ihrem Fetischismus und ihrer Ikonenverehrung den Spiegel vor. Die RAF-T-Shirts werden übrigens direkt über eine der schon genannten Lifestyle-Zeitschriften vertrieben - was den Verdacht nahelegt, dass die ganze angebliche RAF-Mode womöglich nicht mehr ist als ein Werbegag. Seis drum, wenigstens hat sie ein bisschen Rauschen im Blätterwald erzeugt, und vielleicht ist das ein Geräusch, das hilft, die Aufmerksamkeit auf die interessanten Fragen zu lenken. Etwa die der Gefangenen, die noch immer sitzen, oder, ganz banal: die der Ziele, für die die RAF gekämpft hat. (aus einer Radiosendung des Salon Rouge, April 2001) Weitere Informationen zum Thema:
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