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Wer tötete Olaf
R.?
Vor zwanzig
Jahren wurde der Demonstrant Olaf Ritzmann getötet. Ein Lehrstück
in Sachen machtstaatlicher Zynismus
"Die
Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden", soll Franz Josef
Strauß den Putsch Augusto Pinochets kommentiert haben. Das war auf
Lateinamerika gemünzt, in Europa mag man’s eine Nummer kleiner. Doch
auch das kann tödlich enden, und zwar nicht nur in Bayern. Dass auch
Sozialdemokraten das kleine Einmaleins der Aufstandsbekämpfung beherrschen,
konnten sie beim Besuch des Kanzlerkandidaten Strauß in Hamburg zeigen,
der am 25. August 1980 stattfand. Die brutalen Polizeieinsätze dieses
Tages forderten einen toten Demonstranten: Olaf Ritzmann, 16 Jahre alt,
Tischlerlehrling. Anders als bei Benno Ohnesorg oder Klaus Jürgen
Rattay ist sein Fall heute fast vergessen.
Für
eine Radiosendung haben wir die Geschehnisse von vor zwanzig Jahren in
einer Collage aus Zeitzeugnissen zu rekonstruieren versucht. Die meisten
dieser Dokumente verdanken wir dem Untersuchungsausschuss linker Gruppen
und Organisationen, der damals versuchte, die Vorfälle aufzuklären
"Über
15.000 Menschen haben am 25. August gegen F.J. Strauß demonstriert,
der Vertreter einer Politik ist, die sich festmachen läßt z.
B. an:
-
Kriegshetze
-
Unterstützung von Militärdiktaturen
-
Unterdrückung und Liquidierung von Protestbewegungen und freier Meinungsäußerung
-
Verstärkte Ausrichtung an den Interessen der Großindustrie und
verstärkte Entmündigung und Entrechtung der Bevölkerung.
Ein
großer Teil der Demonstranten (und keineswegs nur eine kleine, unbedeutende
Gruppe, wie die bürgerliche Presse glauben machen will) hatte sich
vorgenommen, und dazu auch öffentlich aufgerufen, den Auftritt des
‚Kandidaten‘ mit seinen üblichen Hetzreden in Hamburg so weit wie
möglich zu behindern. Die Demonstration sollte deshalb auch direkt
zur Ernst-Merck-Halle gehen, wo die Strauß-Veranstaltung angesagt
war.
Hamburgs
SPD-Senat und die Polizeiführung der Hansestadt haben diesen weiterführenden
Protestmarsch verboten – und zur Durchsetzung des Demonstrationsverbots
mit über 3.000 Polizisten und ‚Grenzschützern‘ das seit langem
größte Polizeistaatsmanöver in dieser Stadt veranstaltet.
[...]
Das
spielte sich vor, während und nach der Anti-Strauß-Demonstration
ab: Das gesamte, an das Messegelände angrenzende Karolinenviertel
wurde abgeriegelt; Kneipen und Läden mußten schließen;
einzelne Wohnungen wurden zwangsweise geräumt; Greiftrupps der Polizei
mit Hunden und Hubschrauberunterstützung durchkämmten das Viertel
nach "verdächtigen Personen". Öffentliche Verkehrsmittel im Innenstadtbereich
wurden gesperrt, um das ganze Gebiet herum waren Straßensperren mit
Personenkontrollen. Fliehende Demonstranten wurden niedergeknüppelt;
Tränengasgranaten wurden (ohne Rücksicht auf Verluste) in die
Menge geworfen.
Die
etwa 5 bis 6.000 Demonstranten, die in Richtung Ernst-Merck-Halle marschiert
waren, die massiven Sperren jedoch nicht überwinden konnten, sondern
fortlaufend von Polizei und BGS angegriffen wurden (wobei es nur zeitweise
gelang, diese Angriffe zurückzuschlagen) haben ihre Demonstration
gegen 21.15 am S-Bahnhof Sternschanze mit einer kurzen Kundgebung abgeschlossen.
Die Menge zerstreute sich, und ein größerer Teil der Demonstranten
ging in den S-Bahnhof, um nach Hause zu fahren."
(aus
einem Flugblatt)
"Sehr
geehrte ‚Spiegel‘-Redaktion! Beiliegend schicke ich Ihnen einen ‚Offenen
Brief an den Innensenator‘, den ich schrieb, nachdem mich die Nachricht
vom Tode Olaf Ritzmanns, des mittelbaren Opfers des Polizeieinsatzes vom
25.8.1980 auf dem S-Bahnhof Sternschanze, erreichte und erschütterte.
Nach
meiner Überzeugung kann der Polizeieinsatz gegen die auf dem Heimweg
befindlichen Strauß-Gegner einzig den Zweck eines ‚Rachefeldzuges‘
verfolgt haben, denn die Angegriffenen – ihre Kundgebung war längst
beendet – standen friedlich wartend auf dem Bahnsteig (es wurde auch während
des Einsatzes niemand verhaftet). Die tatsächlich geworfenen Steine
dienten lediglich als Abwehr der Polizisten, die, indem sie mit Gummiknüppeln
auf ihre Schilde schlugen, einen furchterregenden Lärm machten, wobei
sie keilförmig gegen die Menschen vorrückten. Dieser Lärm
und die Tränengasgranaten, die in die Menge geworfen wurden, waren
der Grund für die Panik, die Olaf Ritzmann und viele andere – vom
Gas fast blind – auf die Gleise trieb; auf dieser ziellosen Flucht ereignete
sich dann in einiger Entfernung vom Bahnsteig der schwere, tödliche
Unfall.
Da
ich der Meinung bin, daß die Polizei ein solches Verhalten vorhersehen
mußte, sie aber trotzdem so brutal vorging, ja sogar den anderen
Ausgang des überfüllten Bahnhofes abriegelte, muß ich der
Polizei bzw. der Einsatzleitung die Schuld für Olaf Ritzmanns Tod
geben.
Deshalb
schrieb ich den ‚Offenen Brief‘ mit der Bitte um lückenlose Aufklärung
und Bestrafung der schuldigen Beamten. Da der ‚Spiegel‘ für seine
faire, objektive Berichterstattung, aber auch für seine kritische
Haltung der Staatsmacht gegenüber bekannt ist, bitte ich Sie um den
Abdruck des ‚Offenen Briefes‘. Es muß auch einmal die andere Seite
gehört werden."
(Leserbrief
an den "Spiegel")
"Gegen
21 Uhr kam ich aus Richtung Feldstraße/Neuer Pferdemarkt in die Schanzenstraße.
Genau in der kurzen Zwischenzeit, bevor die Demospitze wieder in die Schanzenstraße
einbog, kamen eine größere Anzahl Einsatzfahrzeuge der Polizei
die Schanzenstraße heraufgefahren. Nach meiner Erinnerung bogen sie
in die Lagerstraße ab. Ich schloß mich dann der Demo an und
ging mit zum S-Bahnhof. Nach der kurzen Abschlußkundgebung, die wohl
keine 5 Minuten dauerte, wollte ich zum Schulterblatt gehen. Es ist zu
betonen, daß es zu dieser Zeit völlig ruhig war und jeder sich
in die verschiedenen Richtungen auf den Heimweg machte.
Gerade
als ich mich unter der S-Bahnbrücke befand, fuhren die Polizeifahrzeuge
vor, hielten völlig überraschend an. Gleichzeitig wurden auch
schon die Türen der Einsatzfahrzeuge aufgerissen, und die Beamten
stürzten mit Schlagstöcken und Schilden bewaffnet auf die am
Bahnhofseingang stehenden oder gehenden Passanten. Es war weiter so, daß
die Polizisten Gasschutzbrillen trugen. Der ganze Vorgang spielte sich
in wenigen Sekunden ab, ich war z. B. nicht mehr in de Lage, wenige Schritte
weiter zu gehen, um aus dem Eingangsbereich des Bahnhofs wegzukommen.
Äußerst
wichtig für die weiteren Vorkommnisse ist, daß die Polizisten
dermaßen aggressiv auftraten, daß jedem nur ein Gedanke kam:
‚Bloß nicht denen zu nahe kommen, die wissen ja vor lauter Wut nicht
mehr, was sie tun.‘ So wurden beim Aussteigen aus den Wagen die Leute auf
dem Bürgersteig angeschrien: ‚Wo wollt ihr denn hin?‘, ‚Jetzt geht’s
los!‘, ‚Auf euch haben wir gewartet, ihr Säue!‘, ‚Jagt die Schweine!‘
Das
sind nur einige der ‚Bemerkungen‘, die die Beamten machten.
Weiter
wichtig ist, daß die Polizisten ohne irgendeine Vorwarnung sofort
mit den Knüppeln auf die Schilde schlugen und in die Bahnhofshalle
reinstürmten. In der Bahnhofshalle und auf der Treppe entstand eine
unbeschreibliche Panik, weil die Bullen kurz vor dem Ende der Treppe anfingen,
Tränengas oder Rauchpatronen zu werfen. Es herrschte wie gesagt eine
große Panik, weil einerseits die Bullen von hinten brutal auf die
letzten Leute einknüppelten, die natürlich auch schnell nach
oben wollten, andererseits es gar nicht möglich war, so schnell zu
fliehen, weil sich auf dem Bahnsteig ein Stau bildete (die Kontrollsperre
und ein Kiosk verengen noch mal den Bewegungsraum). Ich selber war ziemlich
weit hinten auf der Treppe, als die Bullen kamen.
Auf
dem Bahnsteig war wegen der Enge ein totales Chaos. Jeder hatte wohl Angst,
auf die Gleise zu stürzen, weil bei dem Gedränge keiner mehr
erkennen konnte, wo der Bahnsteig zu Ende war. So wie ich beobachten konnte,
sind deshalb einige Leute auch auf die Gleise gesprungen. Andere versuchten
sich in Richtung Altona auf dem Bahnsteig und auf der Brücke in Sicherheit
zu bringen."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Die
Abschlußkundgebung der Demo war zu Ende. Die Demonstranten waren
im Begriff, nach Hause zu gehen. Die Bahnhofsuhr zeigte 21.15 Uhr an. Pötzlich
fuhren Polizeimannschaftswagen heran, Polizisten sprangen mit Schild und
Knüppel hinaus und sperrten den Nebeneingang des Bahnhofs Schanzenstraße
und die Straße bis zum Rondell ab. Fünf bis sechs Polizisten
überfielen den am Rondell parkenden Sanitäterwagen, und ich sah,
wie mindestens eine Person aus dem Wagen gezerrt wurde. Mehr konnte ich
nicht sehen, weil die Polizisten auf uns zukamen.
Unsere
Gruppe stob auseinander, ich stand plötzlich allein auf dem Platz
und lief zu den Demonstranten am Haupteingang des Bahnhofs. Ich lief deshalb
dahin, weil ich Angst hatte, daß Polizisten mich allein catchen würden.
Ich stand noch vorm Haupteingang, als die Polizisten anfingen, alle Leute
in den Bahnhof reinzutreiben. Ich lief in den Bahnhof rein und wollte beim
Nebeneingang wieder raus. Als ich um die Ecke bog, sah ich, wie die Polizisten
vom Nebeneingang mit erhobenen Knüppeln auf uns zurannten. Ihr Stiefelgetrampel
ist mir immer noch im Ohr.
Ich
wußte nicht mehr, wohin ich rennen sollte, bekam immer mehr Angst,
als ich die haßerfüllten Gesichter der Polizisten sah. Ich ergriff
die Flucht und wollte die Treppe zum Bahnsteig hochrennen. Es war die einzige
Fluchtmöglichkeit. Auf der Treppe war ein panisches Gedränge,
manche fielen hin, wurden zum Glück wieder aufgehoben. Ich war in
der letzten Reihe, und die Polizisten droschen mit ihren Knüppeln
auf uns ein. Neben meinen Füßen landeten ständig Knüppelhiebe.
Ich hatte panische Angst, ergriffen zu werden.
Manche
von uns bekamen sehr viel Hiebe ab, manche wurden ergriffen – was mit ihnen
geschah, weiß ich nicht, ich hatte Angst, mich umzudrehen. Als ich
mich auf der Hälfte der Treppe befand, detonierte neben mir eine Tränengasbombe.
Ich lief noch schneller, und als ich oben war, detonierten noch zwei Bomben.
Ich hatte Angst, in dem Gedränge auf die Gleise zu stürzen, deshalb
rannte ich schnurstracks geradeaus in Richtung U-Bahn."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Kurz
nach Abschluß der Kundgebung fuhren einige Mannschaftswagen vor.
Deswegen ging ich in den Bahnhof, um mit der S-Bahn nach Hause zu fahren.
Die Halle und die Treppe waren dicht voll von Menschen. Als ich noch vor
der Treppe angelangt war, riefen von hinten welche: ‚Sie kommen‘, woraufhin
viele zu rennen begannen. Einige riefen: ‚Ruhig bleiben, nicht laufen!
Stehenbleiben!‘ Auf dem Bahnsteig lief gerade der Zug Richtung Altona aus.
Weil ich in diesen nicht mehr einsteigen konnte, ging ich in Fahrtrichtung
ein Stückchen mit, auf das Ende des Bahnsteigs zu. Da begannen die
Menschen auf der Treppe zu rennen und zu schreien: ‚Die Bullen kommen!‘
Ich lief in der Richtung weiter, in der ich gerade stand, weil es mit oder
ohne Überlegung keine andere Möglichkeit mehr gegeben hätte.
Ich sprang auf die Gleise, stolperte und befand mich kurz darauf auf einem
schmalen Rost, der über die Brücke führte. Als ich mich
hier umdrehte, sah ich Tränengaswolken und von Bullen gejagte Menschen.
Ich hörte Hunde bellen. Deshalb wollte ich schnell weg und sprang
in das Gebüsch hinter der Brücke. Ich hatte nicht damit gerechnet,
daß es dahinter steil bergab ging, und ich fiel hinab. Unten gingen
vor und hinter mir noch einige andere. Hinten bellten die Hunde und schrien
Menschen. Über uns flog ein Hubschrauber mit Scheinwerfern."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Gleich
darauf sah man auch die Verfolger, die in ganz kurzem Abstand die Treppe
heraufstürmten: drei, vier Reihen Polizisten in schwarzen Lederjacken,
mit Helm, Schild, die Knüppel wild schwingend. Auf dem Bahnsteig war
jetzt ein wildes Gedränge. Die Bullen stoppten auf den letzten Stufen,
und aus ihrer Mitte wurden kurz hintereinander zwei Tränengasbomben
in die Menschenmenge auf dem Bahnsteig geworfen. Das verursachte eine regelrechte
Panik."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Wir
versuchten uns gegen den Strom der losrennenden Menschen zu stellen, indem
wir uns, hingewandt zum Eingang, umdrehten und den raufstürzenden
Leuten zuriefen: ‚Keine Panik, keine Panik!‘ außerdem versuchten
wir so gut es ging, die Leute an den Klamotten festzuhalten, uns gegen
sie zu stemmen und sie zu hindern, kopflos mit der Menge weiterzulaufen.
Zeitweilig stand ich selbst nicht weiter als einen Meter von der Bahnsteigkante
entfernt und drängte mich mit den anderen zur Mitte und zum Ausgang
der Plattform. In der Zeit sah ich, wie zwei Tränengasgranaten ben
auf den Bahnsteig flogen und sich das Tränengas schnell verbreitete.
In diesem Durcheinander, das ich auch als Chaos bezeichnen kann, wurden
die nach oben drängenden Leute gegen die Stützpfeiler des Bahnhofs
gedrückt, und viele wurden umgestoßen und fielen hin etc. Dann
sahen wir aus Richtung Altona die Lichter eines Zuges, der näher kam
und dann plötzlich anhielt, und zwar mit den ersten beiden Abteilen
an der Plattform. Die Panik auf der Plattform, die die ganze Zeit bisher
angehalten hatte, hörte mit dem Halt des Zuges auf einmal auf. Es
war Ruhe. Wir hörten dann die Durchsage des Bahnhofslautsprechers,
daß der Zugverkehr eingestellt werde. Dann ging auch schon das Gerücht
um, es sei ein Unfall passiert, was immerhin den vorzeitigen Halt des Zuges
erklärte."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Die
Leute rasten in wilder Panik vom Haupteingang her über den Bahnsteig
an uns vorbei ... Dann kam der Ruf ‚einer ist vor die S-Bahn gefallen‘.
... Auf dem Bahnhof selbst habe ich nur Bahnpolizei mit Hunden (Maulkörbe)
gesehen. Zu einer aufgeregten Gruppe von Demonstranten sagten Bahnpolizisten
sinngemäß: ‚Seid doch ruhig, hier dürfen sie nicht rauf
(gemeint war die Polizei)‘ ... die Reisenden im Abteil waren aufgeregt,
wir wiesen darauf hin, daß die Polizei den Bahnhof umstellt hatte,
im Bahnhof Tränengas war. Ich riet, daß sie im Abteil bleiben
sollten, was sie auch taten. Wir diskutierten dann mit den Reisenden über
den Polizeieinsatz im Bahnhof. Eine Frau sagte: ‚Die haben doch tatsächlich
Tränengas eingesetzt, ihr habt ja richtig rote Augen, wie kleine weiße
Kaninchen!‘"
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Es
kam jetzt noch ein Sanitäter, der hatte eine Lampe in der Hand und
rannte damit auf die Gleise. Man konnte nun vom Bahnsteig aus sehen, daß
sich dort an dem Verletzten zu schaffen gemacht wurde. Und zwar an der
Stelle, wo sich die Gleise beider Richtungen für die jeweiligen Bahnsteigseiten
voneinander entfernen, aber mehr auf der Gleisseite, die Richtung Altona
führt [...]. Mir schien das alles unendlich lange zu dauern, bis endlich
Sanitäter mit einer Tragbahre erschienen.
Als
sie den Verletzten dann an uns vorbeitrugen, konnte man sehen, daß
sie seinen Kopf mit Mullbinden umwickelt hatten. Darunter war auf der Bahre
ein riesengroßer Blutfleck. Mir wurde ganz schlecht, als ich das
sah. Die Empörung bei uns allen auf dem Bahnsteig war groß,
Rufe des Zorns wurden laut, viele empfanden die Anwesenheit der Bullen
mit den Hunden, die nun wirklich total überflüssig waren, als
eine absichtliche Provokation."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Beim
Bahnsteigende vor der Brücke standen Polizisten mit Mützen und
Hunden mit Maulkorb. Die sagten, die Leute sollten hinter die Absperrung
gehen. G. hörte, wie die Leute über den Unfall redeten. G. sagte
zu einem der Bullen, er solle lieber dafür sorgen, daß die Bahre
schnell kommt. Der meinte, es gebe hier noch mehr so kluge Leute wie G.
Zwei Demonstranten drohten dem [...] Bullen. [...] Der Demonstrant drohte
dem Bullen mit der Hand, darauf nahm der eine Bulle dem Hund den Maulkorb
ab."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Endlich
fuhr auch der S-Bahnzug in Richtung Dammtor richtig in den Bahnhof ein.
Ich stieg ein, viele andere auch. [...] Endlich wurden auch die Türen
geschlossen, und der Zug zog gerade langsam an, als jemand im Abteil rief:
die kommen schon wieder! Ich drehte mich um und sah aus dem Zugfenster,
da ein Pulk Leute auf dem Bahnsteig in Richtung U-Bahnhof-Ausgang rannte.
Der Zug war sofort stehengeblieben. Die Türen wurden (von den Leuten
im Zug) aufgerissen, bei uns innen riefen welche: Macht Platz, laßt
die Leute rein! Viele der Flüchtenden kamen zu uns. Währenddessen
war eine wilde Verfolgungsjagd auf dem Bahnsteig im Gange. Knüppelschwingende
Bullen nahmen sich einzelne Leute vor. Ich sah, wie auf am Boden Liegende
eingedroschen wurde, einer flog auf die gegenüberliegende Bahnsteigkante
zu, zwei Bullen hinter ihm her, während dort gerade ein Zug der Gegenrichtung
einfuhr. Der Geschlagenen kam kurz vor der Kante zum Stilliegen, die Bullen
ließen von ihm ab, so daß er sich aufrappeln konnte. Er wäre
um Haaresbreite mit dem rollenden Zug kollidiert. Wir hatten währenddessen
hinter den Flüchtenden die Zugtüren zugemacht und hielten sie
mit aller Kraft geschlossen. Draußen versuchten die knüppelschwingenden
Bullen, die Türen aufzureißen. Man sah ihnen richtig an, wie
sie Lust hatten, draufloszudreschen."
(aus
einem Gedächtnisprotokoll)
"Hamburg,
30. August. Vier Tage nach den schweren Krawallen während des Strauß-Besuchs
in Hamburg ist am Freitagmorgen der 16jährige Tischlerlehrling Olaf
Ritzmann seinen schweren Verletzungen erlegen. Der Jugendliche, der als
Vollwaise in einem Heim lebte, war nach der Demonstration vom Bahnhof Sternschanze
aus über die Gleisanlagen gelaufen und dabei von einer S-Bahn erfaßt
worden. Schwer verletzt wurde er in die Intensivstation des Krankenhauses
Altona gebracht, erlangte aber das Bewußtsein nicht wieder. Die Polizei
hat Vorwürfe, sie sei mitschuldig am Tod des Lehrlings, entschieden
zurückgewiesen."
(Hamburger
Abendblatt, 31.8.1980)
Erst
"um 21.40 Uhr, also 17 Minuten, nachdem Olaf vor den Zug geraten war",
ist eine Hundertschaft der Polizei eingetroffen.
(Hamburger
Abendblatt, 28.8.1980)
"Die
Polizei, die bisher immer nur von einem Einsatz im Sternschanzen-Bahnhof
sprach, der um 21.40 begann, bestätigte dem Abendblatt gestern nun
doch einen zweiten Einsatz am gleichen Ort."
(Hamburger
Abendblatt, 5.9.1980)
"Vier
Tage wurde Olaf Ritzmann noch künstlich am Leben gehalten. Erst am
Freitag vorletzter Woche durfte der 16jährige Tischlerlehrling sterben.
Gehirntot aber war er schon am Montag davor, als er von einem Zug der Hamburger
S-Bahn erfaßt und auf die Gleise geschleudert wurde. Auf einen Wink
der Polizei hatten die Ärzte das kurze Leben des jungen Mannes noch
um ein paar Tage verlängert. Man wollte vermeiden, daß es im
Anschluß an die blutigen Auseinandersetzungen nach einer Anti-Strauß-Demonstration
auch noch zum Märtyrer-Mythos komme."
(Die
Zeit, 12.9.1980)
"Die
Anwendung von Tränengasgranaten wird ausdrücklich für den
gesamten Demonstrationseinsatz bestritten. [...] Nach Darstellung der Polizei
hatte Olaf R. zusammen mit anderen Jugendlichen den Bahnsteig verlassen
und war auf den Gleisen bis zu einer Eisenbahnbrücke gegangen. Von
dort seien Polizeibeamte, die sich unterhalb der Brücke im Einsatz
befanden, mit Steinen beworfen worden. Als die Polizei nicht auf die Brücke
gekommen sei, hätten sich die Jugendlichen auf den Rückweg zum
Bahnsteig gemacht. Dabei sei Olaf R. von dem Zug, der nicht mehr rechtzeitig
bremsen konnte, angefahren worden. Erst danach sei ein Gruppe Bahnpolizei
und später Schutzpolizei auf den Bahnsteig gekommen."
(taz,
1.9.1980)
"Nach
übereinstimmenden Berichten der Polizei und Bahnpolizei tobten die
zum Teil jugendlichen Demonstrationsteilnehmer [nach der Räumung des
Bahnhofsvorplatzes] über die Gleise Richtung Altona weiter."
(Hamburger
Abendblatt, 27.8.1980)
"Der
Ermittlungsausschuß nahm auch Stellung zu Behauptungen der Polizei
aus der ‚Zeit‘ vom 12.9, diese wolle einen geplanten ‚Märtyrer-Mythos‘
vermeiden. Aus diesem Grunde habe die Polizei den klinischen Tod Olafs
um ein paar Tage verlängern lassen. Mit der gleichen Begründung
wird heute die Beerdigung Olafs auf unbestimmte Zeit verschoben. Wir protestieren
gegen diese Art von Politik mit dem toten Jungen seitens staatlicher Behörden.
Der Ermittlungsausschuß und diejenigen, die seine Arbeit unterstützen,
will keinen ‚Märtyrer‘ schaffen oder gar ‚Vermarktung eines Toten‘
betreiben, wie Bürgermeister Klose vorwirft; der Ermittlungsausschuß
will die vollständige Aufklärung der Ereignisse vom 25.8. und
die Bestrafung der Verantwortlichen. Er fordert dies auch im Interesse
des Schutzes von Demonstranten vor solchen Polizeieinsätzen in der
Zukunft."
(Presseerklärung
des Ermittlungsausschuß, 16.9.1980)
"[...]
der vom ‚Ermittlungsausschuß‘ konstruierte Zusammenhang zwischen
Polizeieinsatz und Tod von Olaf Ritzmann [bleibt] unbegründet. Der
Junge wurde zu weit vom Bahnsteig entfernt vom Zuge getroffen. Er hätte
– wäre er tatsächlich vor der Polizei davongelaufen – sehr viel
Zeit gehabt, den entgegenkommenden Zug zu sehen. Überdies befand sich
vor dem Unglück kein einziger Polizist auf dem Bahnsteig.
Und
nicht einmal der ‚Ermittlungsausschuß‘ will abstreitenden, daß
die ‚Flüchtenden‘ noch genügend Zeit gefunden hatten, die Polizei
mit Steinwürfen zu pisacken. [...] Auch er Aufsichtsbeamte der Bahn
sah vor dem Unfall keine Panik auf dem Bahnsteig. Mehrere Demonstranten
aber berichteten noch etwas anderes: Jugendliche seien an diesem Tage mit
einer bisher ungekannten Aggessivität gegen die Polizei vorgegangen,
hätten immer wieder aus den Demonstrationsreihen heraus angegriffen.
Lange hätte die Polizei die Angriffe defensiv hingenommen, erzählte
ein Teilnehmer, erstaunt über die ‚große Zahl unpolitischer
Punker‘. Einer von ihnen scheint Olaf Ritzmann gewesen zu sein. Bereits
am Nachmittag war ihm ein Schlagstock abgenommen worden. Und angestachelt
wurden die Jugendlichen auch noch von einer Demonstrationsleitung, die
immer wieder aufforderte, die Polizeiketten zu durchbrechen.
Olaf
Ritzmann wäre demnach nicht – wie der ‚Ermittlungsausschuß‘
behauptet – das ‚zweite Demonstrationsopfer in der Bundesrepublik nach
Benno Ohnesorg‘, sondern das erste Opfer einer schon bei den Bremer Krawallen
beobachteten neuen Welle jugendlicher Brutalität."
(Die
Zeit, 12.9.1980)
"Der
Hamburger Staatsanwalt Klein hat am 11. April 1983 das Ermittlungsverfahren
im Zusammenhang mit dem Tod von Olaf Ritzmann abgeschlossen. Der Tod des
16jährigen Tischlerlehrlings, der bei der Anti-Strauß-Demonstration
am 25. August 1980 am S-Bahnof Sternschanze von einer Bahn überfahren
wurde, bleibt danach ungesühnt. Klein kam nach fast dreijähriger
Ermittlung zu dem Ergebnis, daß ein ursächlicher Zusammenhang
mit dem Polizeieinsatz im Bahnhofsgebäude und dem Tod des Jungen nicht
besteht. ‚Die gegen Polizeibeamte in diesem Zusammenhang erhobenen Vorwürfe
sind unbegründet, zumindest aber nicht nachweisbar‘, schlußfolgerte
der Staatsanwalt."
(taz,
2.5.1983)
[Radiobeitrag
des Rote Hilfe Radio vom 26. August 2000]
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