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Copy is Music
Ein Blick auf Tauschbörsen und CD-Brenner und den Feldzug der Musikindustrie gegen diese Formen der Musikverbreitung
von
Pascal
I
st das irgendwann wieder vorbei? Seit Monaten schon rollt eine Welle von Artikeln und Features über uns hinweg, die alle dasselbe Klagelied anstimmen.
Tenor: CD-Brenner und Internettauschbörsen wie das verblichene Napster ruinieren die Musikbranche. Kaum ein Vertreter der Musikindustrie lässt es
sich nehmen, angebliche 15-prozentige Umsatzeinbußen zu bejammern und zu erklären, was die Ursache sei: das massenhafte Kopieren von CDs und die
Möglichkeit, sich Musik gratis aus dem Internet herunterzuladen. Tatsächlich weist der Verband der Musikindustrie für 2001 ein globales Minus
von 5 Prozent aus, und dieser Trend scheint sich 2002 zu verfestigen. In einzelnen Ländern sieht es allerdings anders aus: Die Musikindustrie in Großbritannien
und Frankreich beispielsweise konnte für denselben Zeitraum ein Plus von 5 beziehungsweise 10 Prozent vermelden.
"Copykillsmusic" - so fassen die Konzerne ihren Vorwurf in schlechtes Englisch. Ein etwas irritierender Slogan, immerhin hat die Möglichkeit zur Vervielfältigung
die Musikindustrie als milliardenschwere Branche überhaupt erst möglich gemacht. Doch schon seit Jahren wiederholt die Plattenindustrie dieses und ähnliche Schlagwörter
gebetsmühlenartig, und so langsam scheint sich die Wirkung dieses Mantras zu entfalten: Anstehende Gesetzesänderungen und Richtlinien zeigen deutliche Spuren von Lobbyeinfluss.
So stellt der deutsche Entwurf zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft erstmals das Umgehen von Kopierschutzsystemen unter Strafe. Und in den USA wird
über noch drastischere Maßnahmen nachgedacht: Illegale Downloads im Wert von mehr als 2.500 Dollar könnten zukünftig Gefängnisstrafen nach sich ziehen. Das
berüchtigte kalifornische Three Strikes and you're out - drei Haftstrafen bedeutet automatisch lebenslänglich - könnte also bald auch bedeuten: 3 Loads
and you're out.
Im Falle der so genannten Peer-to-Peer-Systeme (P2P) bleibt es nicht bei der Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. Diese Systeme erlauben es Nutzern, von anderen Nutzern zur Verfügung
gestellte Musikstücke via Internet auf ihre eigene Festplatte zu kopieren. Diverse Betreiber solcher Austauschplattformen, wie zum Beispiel Audiogalaxy oder Listen4ever.com, mussten
unter dem juristischen Druck der Branchenverbände ihr Angebot aus dem Netz nehmen. Bei den Angeboten, die nicht so leicht zu schließen sind, scheint sich die Industrie selbst
in eine rechtliche Grauzone zu begeben: Sie beauftragt Firmen, massenhaft fehlerhafte Dateien ins Netz zu stellen, um so die Attraktivität des Angebotes für die Nutzer zu senken.
Die RIAA (Recording Industry Association of America) dachte unlängst sogar laut über Hackerangriffe auf die PCs der P2P-User nach.
Die Industrie verbannt sich vom PC
Auf dem ersten Blick ist es eine einfache Logik: Die User brennen sich CDs, laden sich Musik runter und decken darüber ihren Bedarf an Musik. Deswegen kaufen sie keine CDs mehr,
folglich erhalten die Plattenfirmen und Musiker kein Geld für ihre Arbeit. Die Industrie nennt das geistigen Diebstahl - eigentlich müsste man aber wohl von unentgeltlicher
Nutzung reden, denn es wird niemandem etwas weggenommen. Ob die neuen Verteilungswege der Musik tatsächlich direkt für den Rückgang der CD-Käufe verantwortlich
sind, ist höchst umstritten. Tatsächlich ergaben einige Untersuchungen, dass bei Usern, die über P2P-Netze Musik downloaden, das Interesse an Musik gesteigert wird und
sie letztlich mehr CDs kaufen als zuvor. Die P2P-Systeme eignen sich tatsächlich auch kaum zum bequemen Massendownload. Um ein aktuelles Hitalbum in guter Qualität,
vollständig und in der richtigen Reihenfolge auf eine Audio-CD zu brennen, muss man hier teilweise mehrere Stunden investieren. Das liegt daran, dass die User zwar mittlerweile
oft schnelle ADSL-Verbindungen zum Internet haben - die für einen schnellen Dateiaustausch benötigten schnellen Upstream-Verbindungen aber noch selten sind. Dazu klappt nur
ein Teil der Downloads, und gerade bei beliebten Stücken ist der Anteil von Files in schlechter oder gänzlich unbrauchbarer Qualität sehr hoch, sodass jedes Stück
probegehört werden muss. Die Filesharing-Systeme haben somit für die Nutzer oft eher die Funktion, die früher das Radio einnahm: Hier kann man sich über neue Musik
informieren, und man bekommt Zugang zu schwer oder nicht mehr erhältlicher Musik. Vor diesem Hintergrund liegt der Verdacht nahe, dass es der Industrie eher um Kontrolle als um das
Unterbinden von geistigem Diebstahl geht. Im Gegensatz zum Radio, das mittlerweile im Wesentlichen ein geschlossenenes System darstellt, in dem punktgenau nur gespielt wird, was die Labels
wollen, stellt das Filesharing ein anarchisches, kaum zu kontrollierendes Medium dar.
Etwas anders mag es tatsächlich beim Kopieren per Brenner sein. Das verlustfreie Kopieren mit immer schnelleren Brennern stellt für die Musikindustrie die weit größere
Bedrohung dar. Hier rächt sich, dass die Preise für ein Album mittlerweile so hoch sind, dass Musik zum Luxusgut zu werden droht. Diese hohen Preise haben nicht nur den Unterschied
zwischen gekaufter und selbst gebrannter CD enorm werden lassen. Sie haben auch die Kultur des leichtherzigen Kaufens und Verwerfens zerstört, von der Popmusik immer gelebt hat.
Das Brennen einer CD ist dabei übrigens nicht, wie suggeriert wird, per se illegal - der so genannten Privatkopie droht erst durch das neue europäisch harmonisierte Urheberrecht
der Garaus. Neu ist das Kopieren von ganzen Tonträgern auch nicht - die Verbreitung von Tapedecks dürfte vor zehn Jahren in etwa der heutigen Verbreitung von Brennern entsprochen
haben. Mittlerweile hat die Industrie gegen CD-Brennen gerichtete Kopierschutzsysteme eingeführt. Diese sollen das Abspielen von CDs in CD-Rom-Laufwerken gänzlich unmöglich
machen. Sie sind zwar alles andere als undurchlässig, aber halten wohl einen Gutteil der Käufer vom Kopieren ab. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Die Industrie verbannt
sich selbst vom PC - ausgerechnet in einer Zeit in der der immer mehr zum selbstverständlichen Vehikel der Freizeitgestaltung wird. Dazu wird auf die Käufer, die mittlerweile keinen
traditionellen CD-Player mehr besitzen, komplett verzichtet.
Flatrate mit GEMAabgabe?
Eine Nutzung ohne direktes Entgelt, wie beim Downloaden und Kopieren, ist an sich nichts Neues. Das Privatradio, die Beschallung auf öffentlichen
Partys und die klassische Mixkassette sind Beispiele dafür. In solchen Fällen kassieren Verwertungsgesellschaften bei den Radiostationen, den
Veranstaltern und den Leerkassettenherstellern und leiten diese Einnahmen an die verschiedenen Beteiligten des Herstellungsprozesses weiter. Dieses Modell
hat auch schon den Weg in die neue Zeit gefunden: 2001 bestätigte das Landgericht Stuttgart die Auffassung des im Interesse der Urheber- und der Verleger
handelnden Verbandes Gema, dass Abgaben auf CD-Brenner zulässig sind. Auch im Falle des Internets gäbe es Ansatzpunkte für solche pauschalierte
Abgaben. Denn auch wenn kein direktes Geld beim Download eines Stückes Musik fließt, so gibt es doch finanzielle Gewinner, die zur Kasse gebeten
werden könnten: Zum einen die Telekommunikationsunternehmen, deren Angebote durch die Möglichkeit des Musikdownloads attraktiver werden. Immerhin
bewirbt Marktführer Telekom seine T-DSL-Verbindungen mit der Möglichkeit des unkomplizierten Musikdownloads. Zum anderen die Hardwarehersteller,
deren Produkte wie Computer oder Soundkarten attraktiver werden. Und nicht zuletzt die Betreiber von Tauschbörsen, die mitnichten alle idealistische
Netzaktivisten sind: Bei der momentan wohl beliebtesten Tauschbörse Kazaa werben zum Beispiel Tui, Ebay und "Sport Bild" mit Werbeeinblendungen.
Trotzdem haben sich die Branchenverbände nicht darum bemüht, hier mitzukassieren - eine Einigung würde denn auch eine Anerkennung des Mediums
bedeuten. In Sachen kostenloser Tauschbörsen setzt die Industrie auf die Nulllösung.
Auch bei einem anderen Lösungsmodell für den Vertrieb von Musik über das Internet wird auf ganzer Linie abgeblockt. Qualitativ hochwertige
kostenpflichtige Angebote der Musikindustrie als Konkurrenz zu den kostenlosen Tauschbörsen sucht man vergeblich. Wenn ein Player sich aus der Deckung
traute, wie es Bertelsmann mit dem Einstieg bei Napster tat, so blockierten die Konkurrenten. Echtes Engagement zeigten die Konzerne lediglich, wenn es darum
ging, nicht lizensierte Angebote vor Gericht zu bringen. Fremdanbieter, die sich um Lizensierung des Majorkatalogs bemühten, hatten damit in aller Regel
keinen Erfolg. So veschlief die Musikindustrie die Entwicklung des PCs von der Schreibmaschine mit Taschenrechner hin zur Multimedia-Plattform. Selbst in den
Zeiten des Internethypes, wo jeder Bäcker seine Webpräsenz mit Flashanimationen aufbrezelte, glänzte das Musikgeschäft mit Abwesenheit.
ein Fehler, der bis heute nachwirkt, wie die erwähnten CDs zeigen, deren so genannter Kopierschutz darin besteht, sie durch gewollte Fehler für
CD-Rom-Laufwerke unbrauchbar zu machen.
Wem gehört das Urheberrecht?
Das Recht, auf das sich die Industrie sowohl in der Lobbyarbeit als auch in ihrem jurististischem Feldzug stützt, ist im wesentlichen das Urheberrecht
beziehungsweise das eng verwandte Leistungsschutzrecht. Aus der Aufklärung heraus entstanden, als die Schaffung eines Kunstwerkes nicht mehr als Gottesgabe,
sondern als individuelle Leistung gesehen wurde (und die Möglichkeiten zur Vervielfältigung gegeben waren), handelt es sich ursprünglich um Rechte,
die sehr stark den Einzelnen schützen sollten. Nicht umsonst sind diese Rechte dem Persönlichkeitsrecht ein- oder angegliedert. In den vergangenen
Jahren haben sich das Urheber- und die verwandten Rechte immer mehr zur Waffe in den Händen von Firmen und Konzernen entwickelt. Wenn man zum Beispiel
an die Patentierung von tierischen und menschlichen Genen denkt, dann steht hier der Schutz einer individuellen geistigen Leistung längst nicht mehr
im Vordergrund. Auch im Fall von Musik ist die Sache mittlerweile ein zweischneidiges Schwert.
Wenn die Branche sich in Prozessen oder in der Öffentlichkeit auf das Urheberrecht beruft, dann tut sie das in der Regel im Namen der Musiker.
Tatsächlich ist die Interessenlage der Musiker aber keineswegs deckungsgleich mit der des Restes der Verwertungskette. Einige ihrer Interessen kollidieren
direkt mit der gegenwärtigen Strategie der Plattenfirmen - zum Beispiel eine weniger zentralistische Vertriebsbasis zu haben, in einem Medium präsent
zu sein, das auch für viele Musiker mittlerweile zu einem Teil ihres Wirkungsfeldes geworden ist, oder von einer Aufwertung der Rolle der Verwertungsgesellschaften
zu profitieren. In der Selbstdarstellung der Musikbranche sieht es meistens so aus, als ob die Industrie die Einnahmen aus dem CD-Verkauf quasi treuhänderisch
von WOM oder Saturn in die Übungsräume und Clubs transportiert. Dabei wird nicht erwähnt, dass in den allermeisten Fallen ein Musiker von einem
konkreten CD Verkauf keinen Pfennig sehen wird. Sollte der Berg an von den Musikern zu tragenden Produktions-, Video-, Werbungs- und weiteren Kosten
tatsächlich einmal abgetragen sein, so beträgt der Deckungsbeitrag des Vertriebes und der Plattenfirma immer noch ein Vielfaches der Lizenzen der Musiker.
Die Branche beweint also vor allem sich selbst. Würde dies offen ausgedrückt, könnte man durchaus mitfühlen. Denn in der Tat sind die
technischen und damit einhergehend die strukturellen und geschäftlichen Veränderungen immens. Dabei sollte man dann allerdings nicht vergessen,
dass es die Musikindustrie selbst war, die die massenkompatible Digitalisierung in Form der Einführung der CD promotet und sich damit mehr als sieben
fette Jahre beschert hat. Ironischerweise war damals die fehlerfreie Vervielfältigung das zentrale Argument für die CD. Der logischen Folge - eben
dass sich Musik fehlerfrei verbreitet - versucht man jetzt verzweifelt einen Riegel vorzuschieben. Wenn die Industrie dabei in ihren Kampagnen die Nutzer von
Brennern und P2P-Systemen in die Nähe der klassischen Produktpiraterie und damit der Kriminalität rückt, verfolgt sie ihre eigene Klientel: Die
Leute, die in monatlich wechselnden Peer-to-Peer-Systemen nach den teilweise verschlüsselten Namen von Stücken suchen oder die neuen Kopierschutzpatente
bei Audio-CDs umgehen, sind sicherlich nicht vom gelegentlich beschworenen neuen Desinteresse an Musik getrieben. Und auch das kommerzielle Interesse spielt bei
ihnen keine grosse Rolle. Der 14-Jährige, der auf dem Schulhof in jungen Jahren ein kleines Vermögen mit dem Verkauf von selbst gebrannten Cds verdient,
gehört wohl eher in die Schublade der modernen Fabeln.
3 Gründe für die Vehemenz der Musikindustrie
Wenn die Musikindustrie CD-Brennern und Internetdownloads die Schuld an der Krise ihrer Branche gibt, ist das eine bequeme Ausrede für hausgemachte Probleme.
Die Konzerne haben nicht nur versäumt, den technischen Veränderungen zu folgen, sie haben in den letzten Jahren auch mehr darauf gesetzt, schnelles Geld
zu machen, als nachhaltig Strukturen aufzubauen und interessante Entwicklungen zu fördern. Speziell in Deutschland wurde, als sich die Branche in der Folge der
Wiedervereinigung professionalisierte, die Befreiung vom hemmenden Kulturanspruch gefeiert. Es wurde über Umsatzgeschwindigkeiten, Synergien und rationalen
Ressourceneinsatz sinniert und Musik als ein Trendprodukt verstanden, das es optimal zu verwerten galt. In diesem Klima war Nachwuchsarbeit oder die Pflege von Szenen,
von denen man lebte, nicht hoch angesehen. Slogans wie "10 000 gebrannte CDs zerstören eine Nachwuchsband" wirken hohl, wenn man weiß, wie wenig
die Branche sich in den letzten Jahren um Nachwuchsbands geschert hat. Dass der Umsatz nach wie vor auch etwas mit der Art der angebotenen Musik zu tun hat, suggeriert
der Blick nach Frankreich oder Großbritannien, wo wie gesagt die Umsätze im vergangenen Jahr gestiegen sind.
Zum zweiten droht durch den technischen Wandel ein kapitalistischer Traum zu platzen. Der Markt ist höchst konzentriert - mittlerweile teilen nur noch eine Hand
voll Konzerne mit ihren unterschiedlichen Labels den allergrößten Teil des Marktes unter sich auf. Mit den Jahren wurden höchst profitable Abläufe
vom Presswerk bis in den Vertrieb aufgebaut, von denen Teile im Falle einer Neustrukturierung der Verwertungskette nahezu überflüssig werden könnten.
Dazu ist mit der CD ein Medium in den Markt eingeführt, das nach Abdeckung der Initialkosten Traummargen einbringt. Es tut weh, ein solches jahrzehntelang verfeinertes,
fast risikoloses System der Verwertung aufzugeben, das bis dato noch nicht einmal in wirtschaftlichen Krisenzeiten ins Stottern kam. Ähnlich perfektionierte, an die
neue Situation angepasste Strukturen aufzubauen könnte dauern - zumal jetzt schon einige Jahre verpasst wurden . Da ist dann der Ruf nach Protektion durch den
Gesetzgeber nicht weit.
Zum dritten, und hier ist die Strategie der Musikindustrie ganz und gar nicht defensiv, geht es darum, in einem Verteilungskampf Stücke vom Kuchen zu sichern.
Mit der Digitalisierung der Medien steht die vielleicht größte Neudefinition des Verhältnisses zwischen Produzenten und Hörern an, die es seit
dem Wechsel von Notenblättern zu Tonträgern gegeben hat. Dies reiht sich ein in den noch grösseren Zusamenhang der Neuverteilung der Rollen des Einzelnen,
der Industrie und des Staates in der sich bildenden Informationsgesellschaft.
Wie Bill Gates weiß auch die Musikbranche: Industriefreundlichen Regelungen, Gesetzen und Standards sind, wenn sie erst einmal gelten, kaum mehr rückgängig
zu machen. Und so steigt, sobald eine neue gesetzliche Regelung ansteht, prompt die Kampagnenintensivität. Es ist sicher kein Zufall, dass das Brenner-und-Tauscher-Klagelied
der Musikindustrie just zu einer Zeit erklingt, in das Urheberrecht neu geregelt werden soll.
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